FlugAIRlebnisse

Von Aachen-Merzbrück zum Nordkap

Eine Rundreise mit dem Motorsegler durch Skandinavien

Samstag, 8.August 1998, 8.45 Uhr: Vollgas! Nur langsam setzt sich unser vollgetanktes und mit dem nötigsten Gepäck bestücktes Flugzeug in Bewegung. Doch schon nach ca. 200 m Rollstrecke heben wir ab zu unserer ersten Etappe auf dem Weg zu Europas nördlichstem Punkt, dem Nordkap. Wir, das sind Alfred Kronen aus Eschweiler und Günter Bleckmann aus Stolberg-Breinig, zwei Piloten der Segelfluggruppe Nordstern vom Flugplatz Aachen-Merzbrück, und der Motorsegler unseres Clubs vom Typ „Dimona“ mit einem 80 PS-Motor und 16 m Spannweite; er wird für die nächsten 10 Tage sozusagen unser Zuhause sein. Ausgestattet mit 20 Luftfahrtkarten (für ganz Skandinavien), zwei GPS-Geräten zur Erleichterung der Navigation, Schwimmwesten und einem Notsender (für alle Fälle) soll uns unser Vogel heute bis Dänemark tragen. Maribo auf der Insel Lolland heißt unser erstes Ziel. Unsere größte Sorge, das Wetter, hat sich buchstäblich in Wohlgefallen aufgelöst; die Vorhersage der Flugwetterwarte vom Flughafen Köln-Bonn ist bestens.

Flugvorbereitung

Unsere Flugroute führt uns über die Funkfeuer Wuppertal - Dortmund - Osnabrück und weiter durch die norddeutsche Tiefebene. Wir sind in ständigem Funkkontakt mit den zuständigen Flugsicherungsstellen, die uns Hinweise auf die jeweilige Verkehrssituation in der Luft geben.Südöstlich von Hamburg überqueren wir die Elbe und passieren kurz darauf Lübeck zu unserer Rechten. Unsere Route führt uns weiter am Timmendorfer Strand entlang; die Ostsee leuchtet in tiefem Blau, ein phantastischer Anblick! Leider müssen wir kurz darauf wegen eines technischen Defekts in der Elektrik des Verstellpropellers zurück nach Lübeck. Am dortigen Flughafen wird uns hoffentlich jemand helfen können. Und wir haben uns nicht getäuscht: ein Motorseglerwart vom Lübecker Aero-Club erweist sich als ein ausgesprochener Fachmann und behebt die Störung. Also fliegen wir erst am nächsten Morgen weiter nach Maribo. Sonntag, der 9.8. ist ein herrlicher Sommertag; entlang der Vogelfluglinie geht es über Fehmarn zur dänischen Insel Lolland. In Maribo wird die Maschine aufgetankt und der Flugplan für den Weiterflug nach Norrköpping (Schweden) bei Copenhagen Control aufgegeben. Auf unserer heutigen Etappe überqueren wir die Insel Seeland und erreichen nach dem Überflug des südöstlichen Teils des Kattegats die schwedische Küste. Unsere Dimona trägt uns nun über endlose Fichtenwälder und zahllose Seen, eine einsame Landschaft über hunderte von Kilometern. Irgendwann blinkt links voraus am Horizont durch die bewaldeten Kuppen hindurch der Spiegel des Vättersees. Die Landschaft bleibt urtümlich und einsam bis Norrköpping, unserem heutigen Tagesziel. Während wir unsere Maschine putzen, rollt ein weiterer Motorsegler mit deutschem Kennzeichen von der Landebahn zu uns auf den Parkplatz. Es sind zwei Piloten aus Schwäbisch-Hall, deren Ziel ebenfalls das Nordkap ist. Der nächste Tag, der dritte unserer Reise, soll uns bis nach Finnland bringen. Wieder meint es das Wetter bestens mit uns, und bei strahlendem Sonnenschein fliegen wir weiter nach Norden. Zunächst passieren wir Stockholm im Westen. Die Luft ist unglaublich klar, Sicht bis zum Anschlag. Langsam nähern wir uns der Küstenlinie des Bottnischen Meerbusens. Der Wind hat zugenommen und bremst deutlich unsere Reisegeschwindigkeit. Erstes Tagesziel: Mariehamn, die größte der Alandinseln. Dieses Archipel zwischen Schweden und dem finnischen Festland gehört bereits zu Finnland, verfügt aber aus historischen Gründen über eine weitgehende Autonomie. Der Anblick des Flughafens ist für uns ungewohnt: statt wie üblich auf grauem Beton oder dunklem Asphalt setzen wir auf einer tennisplatzroten Landebahn auf. Auch hier wieder, wie schon bisher, sehr freundliches und hilfsbereites Flughafenpersonal. Auftanken und weitere Flugroutenplanung werden zügig erledigt, denn wir wollen heute noch einen großen Sprung weiter nach Norden machen; das gute Wetter muss genutzt werden, Regen werden wir früh genug bekommen. Aufgesessen, der rote Asphalt saust unter unserem Flugzeug dahin. Der Anblick der tausenden von kleinen und kleinsten Inseln auf dem Weg zum finnischen Festland ist grandios. Jedem Finnen seine Insel? Es sieht fast so aus.

Zwischen den Alandinseln und der finnischen Küste

Nach Erreichen der finnischen Küste schwenken wir auf Nordkurs. Jetzt geht es für ca. 3 Stunden wieder über unendliche Wälder und Seen. Finnland wie im Bilderbuch. Im Westen blinkt der Bottnische Meerbusen im Schein der langsam sinkenden Sonne, im Osten türmen sich gewaltige Wolkenberge im Bereich der finnischen Seenplatte auf. Nur gut, dass wir unsere Kurslinie mehr westlich gelegt haben, denn mit Cumulus-Wolken dieses Kalibers ist nicht zu spaßen. In der Abenddämmerung schweben wir und auch unsere schwäbischen Freunde auf dem Flughafen von Kokkola ein. Am nächsten Morgen fliegen wir nach Auflösung des Bodennebels weiter nach Norden. Unser heutiges Tagesziel ist Ivalo am Inarisee, die Metropole Lapplands, 580 Kilometer und gut 4 Flugstunden entfernt. Die ersten 150 Kilometer folgen wir wieder der Küstenlinie des Bottnischen Meerbusens, überfliegen Oulu, die große Hafenstadt. Ab Kemi lassen wir die See hinter uns; vor uns liegen nun 300 Kilometer Tundra. Bei Rovaniemi überqueren wir den Polarkreis. Von nun an wird die sog. Eismeerstraße , eine breite, helle Schotterpiste und nahezu die einzige Nord-Süd-Verbindung in Lappland, unsere ständige Begleiterin sein. Der Himmel ist inzwischen stark bewölkt, die Sicht aber immer noch recht gut Ein Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit wird spürbar in unserem Cockpit. Ein Blick in die Fliegerkarte zeigt uns, dass sich hunderte von Kilometern rechts und links von unserem Kurs nichts als Tundra befindet...

Der Flughafen Ivalo meldet sich nicht auf unsere wiederholten Funkanrufe. Die Tower-Mannschaft hat bis 18 Uhr Mittagspause; die Uhren gehen hier „oben“ eben anders. Also landen wir nach Absetzen einer sog. Blindsendung wieder in kurzem Abstand auf der langen Betonpiste. Kühle Abendluft schlägt uns entgegen, es riecht nach Regen. In Lappland hat die Trekking-Saison ihren Höhepunkt erreicht. Ivalo am südlichen Ende des Inarisees ist das Touristenzentrum und Ausgangspunkt für Touren aller Art. Kein Wunder, dass wir nur mit Mühe (und der freundlichen Hilfe des Flugleiters) noch ein Motel mit 4 freien Betten finden. Hier übernachtet ein Vielvölkergemisch, die Wirtin spricht sogar deutsch.

Ivalo am Inarisee - Lappland

Lange Gesichter beim Frühstück - es gießt in Strömen. Dabei sollte uns dieser Tag an das Ziel unserer Reise, zum Nordkap, bringen. Per Handy holen wir Informationen über das Streckenwetter von den Flugwetterwarten Rovaniemi und Bodö/Norwegen ein und fassen wieder Mut. In ein paar Stunden soll es aufklaren. Wir wollen nach der Umrundung des Kaps an der norwegischen Küste entlang zurück nach Süden fliegen. Unsere Freunde aus Schwäbisch-Hall planen den Rückflug über Finnland und Schweden. Alsdann - guten Flug und bis bald in Deutschland! Die 250 Kilometer zum Nordkap fliegen wir bei einer Wolkenuntergrenze von etwa 500 Metern. Für uns Privatflieger ist ein ganz bestimmter Punkt zum Einflug von Finnland in den norwegischen Luftraum vorgeschrieben. Es ist der kleine Grenzort Karigasniemi. Er ist nicht zu verfehlen, weil sich hier zwei breite Flusstäler vereinigen. Wir erreichen diesen Meldepunkt auch entsprechend unserer geplanten Flugzeit und melden uns über Funk bei Rovaniemi Control ab und bei Bodö Control an. Der finnische Flugleiter verabschiedet uns mit einem lockeren „Heh,heh!“, was wohl soviel wie „Tschö, wa!“ bedeutet. Nun sind die norwegischen Fluglotsen für uns zuständig. Wir fliegen in 400 Metern Höhe über die Finnmark, so heißt hier der norwegische Teil Lapplands, immer Kurs Nord. Der Porsangerfjord, ein tief ins Binnenland hineinragender Eismeerarm, wird überquert. Wir nähern uns dem Kap. Schon haben wir den schmalen Mageröy-Sund vor uns, der die Insel Mageröy, an deren nördlichster Spitze das Kap liegt, vom Festland trennt. Noch 10 Minuten Flugzeit. Eine schmale Autostraße schlängelt sich über den kahlen Fels nordwärts; ihr brauchen wir nur zu folgen, wo sie endet, ist auch Europas Festland zu Ende. Von weitem erkennen wir die weiße Kuppel auf der Felsnase - und genau darüber kreisen unsere Schwaben; sie waren ein paar Minuten vor uns da. Fotografieren ist angesagt. Wir überfliegen in 200 Metern Höhe die Touristenanlagen und haben, sobald wir die Felsnase des Kaps in Richtung Meer überquert haben, wieder 500 Meter Luft unter den Tragflächen. Fast senkrecht fällt der Fels zum Meer hin ab. Hellgrün gischtet die Brandung an seinem Fuß auf. Ein fast unwirklicher Anblick von hier oben, und ein unvergesslicher dazu.Wir turnen noch ein paar Minuten mit unseren Schwaben umeinander und verabschieden uns dann über Funk endgültig von ihnen.

Ziel erreicht: Das Nordkap

Unser nächster Flugplatz ist Alta in Nord-Norwegen am gleichnamigen Fjord. Seit unserem Abflug von Aachen.Merzbrück zeigt unser Kompass zum ersten Mal wieder Südkurs an. Wir haben mit unserem kleinen Vogel das Nordkap umrundet. Eine gewisse Hochstimmung überfällt uns, besonders deshalb, weil das Wetter bisher so gut mitgespielt hat. Der Flughafen Alta zeigt uns, was er hat. Als wir aus 1500 Metern Höhe von den Küstenbergen zum Fjord hinunter schweben und um Landefreigabe bitten, wird vom Tower die gesamte Landebahnbefeuerung eingeschaltet; eine nette Geste. Die Tower-Leute empfangen uns ausgesprochen herzlich. Wir bekommen nicht nur ihren Kaffee, sie verwöhnen uns auch noch mit Smöre-Bröd und gehobeltem Käse. Auch hier spricht man deutsch. Und bald erfahren wir, dass ihr Flughafen im zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten auf Kosten der umliegenden Wälder aus dem Fjordufer gestampft worden ist. Zur Feier des Tages gönnen wir uns eine excellente Fischplatte. Eine halbe Stunde vor Mitternacht zaubert die Sonne noch mal ein grandioses Feuerwerk an den Nachthimmel. Wir sind begeistert.

Anflug auf Alta

Weiter geht es Richtung Heimat. Zwar hat sich die Sonne etwas rar gemacht, doch reicht die Wolkenhöhe problemlos aus. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Namsos fliegen wir mit Kurs 180 Grad über die wilden Ausläufer des Dovrefjells vorbei am Olympiaort Lillehammer nach Hamar, der Stadt am Ufer des Mjösensees. Hamar ist bekannt durch seine Eislaufarena in der Form eines Wikingerschiffes. Diese Eisbahn gilt wegen ihrer extrem niedrigen Temperatur als die schnellste der Welt. Der Flugplatz von Hamar ist ein Privatplatz. Auf unsere wiederholten Funkanrufe meldet sich schließlich jemand und gibt uns Landeinformationen. Es war allerdings nicht die Flugleitung, sondern ein pensionierter Flugkapitän der SAS, der großen skandinavischen Luftverkehrsgesellschaft. Er bastelte an seinem Sportflugzeug herum und hatte zufällig sein Funkgerät eingeschaltet. Er organisiert auch für uns die für den Weiterflug erforderliche Spritmenge. Wir beschließen den Tag mit einer weiteren 200 km-Etappe und landen um 19 Uhr in Torp bei Sandefjord, etwa 60 Kilometer südwestlich von Oslo am Ufer des Oslofjords. Der nächste Tag, Samstag, könnte uns problemlos zurück nach Aachen-Merzbrück bringen. Die Flugleistungen unserer Dimona ermöglichen die Strecke von über 1000 Kilometern mit einem Tankstopp ohne weiteres. Aber zu früh gefreut, am Samstag Morgen gießt es in Strömen. Die Auskünfte der Flugwetterwarten Oslo und Hamburg verheißen für diesen Tag nichts Gutes. Aber der morgige Sonntag soll nach Durchzug der Front wieder bestes Flugwetter bringen. Der Sonntag macht mit einem strahlend blauen Himmel und glasklarer Luft seinem Namen dann auch alle Ehre. Leider öffnet der Flughafen erst um 13.30 Uhr. Um 13.45 Uhr sind wir in der Luft. Zunächst geht es über den breiten Oslofjord hinüber nach Schweden. Dann folgen wir wieder in etwa der Küstenlinie, bis wir 30 Kilometer südlich von Göteborg auf Westkurs gehen und zum Sprung über das Kattegat ansetzen. Mittendrin auf halber Strecke zwischen Schweden und Dänemark liegt, einem Flugzeugträger gleich, die Insel Laesö, die wir in 700 Meter überfliegen. Bald kommt die dänische Ostküste bei Aalborg in Sicht. Bis zu unserem nächsten Etappenziel - Flensburg - sind es nur noch knapp 2 Stunden; die Zeit verrinnt „wie im Flug“. Gegen 18 Uhr setzen wir in Flensburg auf, tanken und starten sofort wieder, um an diesem Tag noch möglichst weit nach Süden Richtung Heimat voranzukommen. Husum, Büsum, die Elbemündung, Cuxhaven ziehen unter uns durch, von der schon tief stehenden Sonne in ein diffuses Licht getaucht. Um 19.15 Uhr landen wir in Bremerhaven-Luneort, einem kleinen Flugplatz direkt an der Weser.

Bei einer vorzüglichen Scholle lassen wir die neun Tage unserer Nordkap-Reise noch einmal Revue passieren. Sie haben uns unvergessliche Eindrücke gebracht. Nach weiteren zwei Flugstunden sind wir am Montag um 12 Uhr zurück in Aachen-Merzbrück. Hinter uns liegen 38 Stunden Flugzeit und 5400 Kilometer über Norddeutschland, Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen. Ein kleiner Motorsegler mit 16 Metern Spannweite und 80 PS hat es möglich gemacht.

Günter Bleckmann
Sept. 1998


„Für seine Erinnerungen muss man beizeiten sorgen!“ (Zitat Franz Lammertz)
Er hatte Recht.

Günter Bleckmann
Juni 2020